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EU-RegelungswutChip fürs Schaf: "Das blökt zum Himmel"
WR, 23.11.2009, Michael Schmitz
http://www.derwesten.de/nachrichten/wr/2009/11/23/news-141694311/detail.html

Dortmund. Der Regelungswahn der Europäischen Union hat uns die Glühbirnen genommen, er wütete gegen den hessischen Äppelwoi, er bescherte uns den Eier-Stempel und nun das elektronische Schaf: Die Tiere müssen ab Januar 2010 Transponder-Ohrmarken tragen oder einen Magensender (Bolus) schlucken.
INFO 3500 Tierhalter in NRW Schafe sind die erste Nutztierrasse, die einer elektroni-schen Einzeltierkennzeichnung unterliegen. Tiere, die ab Januar 2010 geboren werden, müssen laut Schafzuchtverband NRW ab dem neunten Lebensmonat eine Marke tragen, ersatzweise einen Bolus, der verfüttert wird und dauerhaft im Pansen des Tieres verbleibt. Die EU-Verordnung gilt nur für Länder, die mehr als 600 000 Schafe haben. In Deutschland weiden etwa 2,4 Millionen Tiere aus mehr als 30 Rassen. In NRW gab es 2007 rund 3500 Halter mit circa 100 000 Muttertieren, ohne Lämmer. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre sank die Zahl der Schafhalter um 18 Prozent. Als Folge könne Deutschland seinen Bedarf an Lammfleisch nur zu 50 Prozent aus eigenen Zuchtbeständen decken.
Die Züchter sind darüber ganz aus dem Häuschen. „Wahnsinn”, „bürokratisches Monster”, „praxisuntauglich”: Die Fantasie der Schafhalter kennt offenbar keine Grenzen, wenn es darum geht, die elektronische Einzeltierkennzeichnung der EU zu beschimpfen und man wundert sich, welches Erregungspotenzial in einer schlichten gelben Ohrmarke steckt.
»Viele Halter sagen: das ist Schwachsinn«
Der niedersächsische Landtagsabgeordnete Ronald Schminke (SPD) sieht darin sogar eine verordnete Tierquälerei mit blutenden und eiternden Ohren, falls die Marken im Gestrüpp oder an Zäunen ausgerissen würden: „Allein aus Tierschutzsicht ist so ein Unsinn komplett abzulehnen. Es blökt zum Himmel.” Auch NRW-Landwirtschaftsminister Eckhardt Uhlenberg (CDU) lässt über seinen Sprecher verlauten, dass er kein Freund dieser Regelung sei.
Jeder Halter ist ab dem 1. Januar verpflichtet, seine Tiere zu markieren, gleich ob er nur ein Schaf als Rasenmäher hinterm Haus beschäftigt oder eine vielhundertköpfige Herde besitzt. „Ein Chip im Ohr in Kombination mit verschiedenen Listen, die die Schafhalter zu führen haben, soll den Amtsveterinären die Möglichkeit geben, zu jeder Zeit genau nachzuverfolgen, wo sich ein Schaf von der Geburt bis zum Lebensende aufgehalten hat, um im Seuchenfall die Kontakte mit anderen Tieren nachvollziehen zu können”, heißt es im offiziellen Amtsdeutsch des Schafzuchtverbandes NRW in Paderborn. Bei eben jenem Verband heißt es über die Regelung aber auch, dass sie ein Konstrukt sei, das niemand verstehe. „Viele Halter sagen: das ist Schwachsinn”, sagt Markus Barkhausen, Fachberater für Schafzucht.
Dabei ist es nicht einmal die neue Ohrmarke, die die Halter aus der Fassung bringt; Ohrmarkenpflicht gebe es schließlich seit 14 Jahren, sagt Barkhausen. Es ist die damit verbundene Dokumentationspflicht für die Schafhalter: Geboren am. . . , Ohrmarke Nr. . . , verloren am. . . , ersetzt durch Ohrmarke Nr. . . - bis ins Schlachthaus muss im Bestandsregister jeder Schritt belegt werden. „So ist bei Seuchen besser nachvollziehbar, woher das Schaf stammt”, sagt Zuchtberater Barkhausen, „aber das konnte man durch die Bestandsmarken vorher auch schon.” Er befürchtet eine Riesenschreibarbeit, die für einen hauptberuflichen Schäfer nicht mehr zu bewältigen sei. „Wir werden durch diese EU-Regelung nicht mehr Schäfer bekommen”, meint er.
Einer dieser Schäfer ist Hartmut Scholl aus Erndtebrück. Einst hütete er um die tausend Schafe, jetzt sind es nur noch 140 Muttertiere, auf die im Schnitt 1,4 Lämmer pro Jahr kommen. Auch er schimpft auf den bürokratischen Mehraufwand.
»Es rechnet sich nicht mehr, die Leute verlieren die Lust«
Der Schäfermeister führt aber auch praktische Bedenken ins Feld, wenn zum Beispiel ein Tier seine Ohrmarke verliert. „Das Problem ist herauszufinden, welches Schaf es ist. Ich muss die Herde sortieren und durchlaufen lassen, dazu brauche ich Trichter, Fanganlagen und ein Lesegerät”, sagt er. Das sei eine große Investition für einen Betrieb. Überhaupt die Kosten. Das Fachmagazin „Schafzucht” führt 1,50 bis 2,50 Euro pro Marke an - das sei eine Verfünffachung. Das einfachste Lesegerät koste bis 250 Euro.
Für Schäfermeister Scholl ist letzten Endes wichtig, was unter dem Strich übrigbleibt. Die Nebenkosten sind seit Jahren gestiegen, der Preis für unsere Produkte blieb gleich, sagt er. Früher habe er selbst geschlachtet und das Lammfleisch an die umliegenden Hotels geliefert; jetzt müsse man ein Schlachthaus haben, das wiederum EU-Vorschriften genügen muss oder das Fleisch an einen Händler geben. Die Felle kann er nicht mehr vermarkten, weil der Markt zusammengebrochen ist. Stattdessen muss er 1,50 Euro für die Entsorgung zahlen. Hinzu kommen hohe Stallhaltungskosten. „Es rechnet sich nicht mehr. Die Leute verlieren die Lust, weil es zu kompliziert wird”, sagt Hartmut Scholl. Hoffnung, die ungeliebte Regelung abzuwenden, hat er nicht mehr. Auch Uhlenbergs Sprecher sagt: „Die Abstimmung ist gegen uns gelaufen, das Thema ist bei der EU durch.”
Ganz durch? Nicht ganz. Noch sei, moniert das Magazin „Schafzucht”, die Entsorgung von Ohr-Chips und Magensender in der Schlachtstätte nicht geklärt. Raum für eine weitere EU-Verordnung…
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