Enormer Ansturm von Besuchern beim ersten Schaf-Woll-Festival













Am Sonntag den 11. Oktober veranstaltete die Handspinngilde e. V. und der Traunsteiner Schafhalterverein einen Tag rund um die Schafwolle. Anlässlich der Jubiläen beider Vereine entstand die Idee, gemeinsam die Anliegen beider Vereine zu präsentieren. Die vielen Schafrassen sind ja im Laufe der Jahrtausende durch Züchtung entstanden, damit die Menschen für die unterschiedlichen Anforderungen jeweils die geeignete Wolle zur Verfügung hatten. Daher gehören Schafe und Wollverarbeitung unzertrennlich zusammen.

 

Eingebunden in die Jahrestagung der Handspinngilde gab die Örtlichkeit des Labenbachhofes in Ruhpolding einen würdigen Rahmen für diese Veranstaltung. Viele Vereine folgten der Einladung,  ebenfalls Ihre Fertigkeiten zu präsentieren. So hat nicht nur der Schafhalterverein Traunstein und die Handspinngilde, sondern auch die GEH, Weben+ und die Spitzengilde Einblick in ihr Handwerk gegeben. Die Besucher konnten auf Schritt und Tritt verfolgen, wie auch heute noch mit einfachen Mitteln ein individuelles Kleidungsstück hergestellt werden kann.

 

Pünktlich um 9 Uhr flanierten bereits die ersten Woll-, Spinn – und Schaf- interessierten Menschen über den Hof. Innerhalb der nächsten Stunden wurden es immer mehr Besucher; viele kamen mit Kind und Kegel. Den Kindern taten es besonders die Schafe und der kleine Streichelzoo an; begeistert waren sie aber auch von den vielen Angeboten zum Basteln und Malen. Besonders die zugeschnittenen Filzstücke, die mit bunter Wolle und Filznadeln  zu Kunstwerken,  und schließlich zusammengenäht, zu Hüten wurden, sorgten für Begeisterung bei Groß und Klein. Die meist gefilzten Motive waren übrigens Schafe - ist doch klar, oder!?

 

Im gesamten Neubau wimmelte es zeitweise von Menschen, manchmal waren so viele unterwegs, dass es am Eingang staute wie tags zuvor auf der A8 am Irschenberg. Es gab aber auch wirklich viel zu sehen – und manches auch zu kaufen. Wolle, und Wollprodukte natürlich, wunderbare Stricknadeln, Spinnzubehör, aber auch solche Dinge wie handgefertigte silberne Haarnadeln, wie sie in Bayern gerne zum Dirndl getragen werden, oder gar wunderschöne Kleidungsstücke aus Wolle von bedrohten Schafrassen.

 

Ein ganzes Zimmer war mit Bildern und Mustern zum Anfassen zum Thema „Wadlstrümpfe“ dekoriert. Was gab es da für schöne Strickmuster zu sehen, kunstvollst verarbeitet. Wie Trachtenstrümpfe live aussehen, konnte man draußen bei der Aufführung der Kindertanzgruppe des örtlichen Trachtenvereins bewundern.

 

Mittags um halb eins begann einer der Höhepunkte des Tages: Die Modenschau. Hier hatte es im Vorfeld schon größere Aufregung gegeben, denn der erprobte Moderator Bernhard Dankbar war wegen eines Unfalls ausgefallen. Zum Glück erklärte sich Dr. Mendel bereit, diese für ihn ungewöhnliche Aufgabe zu übernehmen. Musikalisch unterstützt wurden er und die Models von Thomas Mattern, der auf der 'Steirischen' spielte.

 

Das Publikum war offensichtlich von den vielen verschiedenen Möglichkeiten Wolle zu verarbeiten begeistert  und applaudierte heftig. Aufregung gab es  im Umkleidezimmer der Models, denn kurz vor der Modenschau meinten einige Besucher, es handele sich um einen Verkaufsraum, und begannen die sorgfältig zurechtgelegten und bereits mit Nummern versehenen Schaustücke zu durchwühlen. Kurzfristig herrschte Schlussverkaufsatmosphäre.

Da half nur noch ein rabiater  Rausschmiss, zumal die „Wühler“ magnetisch weitere Wühler anzogen.  Für Staunen sorgte beim Publikum die Vielfalt der Modelle und auch die Vielfalt der verarbeiteten Fasern, der Handwerkstechniken und Farbgestaltungsmöglichkeiten. Die meisten der Modelle waren natürlich unverkäuflich. Bei einem aufwändigen Muster sind leicht 300 Arbeitsstunden  nötig, um aus der Rohwolle ein Kleidungsstück in Handarbeit herzustellen. Das ist natürlich nicht bezahlbar, aber für einen selbst nimmt man die vielen Stunden gerne in Kauf. Wer die alten Techniken erlernen möchte, kann sich gerne an die Handspinngilde wenden.

 

Auch Petrus hatte offensichtlich Freude an unserer Modenschau, denn er  ließ bis zu ihrem Ende nur ein paar einzelne Tropfen fallen. Kaum war sie jedoch fertig, goss es in Strömen. Aber das war nicht weiter schlimm, gab es doch in den beiden Häusern genug zu erleben.

 

Im historischen Bauernhof reihte sich ein interessanter Vortrag an den nächsten. Die Organisatoren konnten für die Vorträge erstklassige Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen verpflichten. Viele der Referenten kamen aus fachfremden Bereichen,  hatten zum Thema Wolle bzw. Verarbeitung aber Hochinteressantes vorzutragen. Die folgenden Themen konnten angeschnitten werden:

 

Helga Heubach:                Bayerische Tradition des Spinnen und Webens
Dr. Christian Mendel:       heimische Schafrassen
Josef Fegg:                        Herstellung und Verwendung von Lodenstoffen
Ulrike Claßen-Büttner:     Die Eigenschaften der Wolle
Jana Muchalski:                Spinnen und Filzen als Therapie
Angelika Breuer:               Wolle und Allergien
Nathalie Ketterle:              Wollprojekt der GEH

 

Im Neubau gab es einen Marktplatz und Ausstellungen, bei denen die Besucher zeitweise Schlange stehen mussten. Ja, und dann natürlich einen weiteren Renner, den Wettbewerb vom „Schaf zum Kleidungsstück“, bei dem die geplante Schafschur wegen des Regens leider ausfallen musste. Aber das tat der Begeisterung keinen Abbruch. Ob das Publikum wohl etwas von der vielen (Nacht-)Arbeit ahnte, die  die Wettbewerbsteilnehmer/-innen vorher geleistet hatten? Am Sonntag war dann das  Talent des Multitasking gefragt, denn einerseits sollte ja flott und fehlerfrei gearbeitet werden, andererseits fragten die Besucher den Wettbewerbsteilnehmer/-innen aber Löcher in den Bauch – und das über den ganzen Tag hinweg. Als Belohnung gab es dann für den ersten Platz einen Geldpreis in Höhe von 200 Euro und für alle Gruppen glänzende Pokale und natürlich viel Applaus.

 

Alle Mitglieder der Tagung hatten jeweils handgesponnene Quadrate erarbeitet, die dann in mühevoller Kleinarbeit zu einer wundervollen Decke zusammengestrickt wurde. Das Thema in diesem Jahr waren Sonnenblumenfarben. Diese Decke war der erste Preis bei der Verlosung. Viele weitere Preise waren auch noch von den Mitgliedern und Marktbeschickern gestiftet worden. Ein Teil des Erlöses wird wie schon die letzten Jahre üblich der GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.) gespendet. Die Decke ging übrigens an einen Besucher aus Sachsen.

 

Mit einem Abschlussgottesdienst, natürlich zum Thema Schafe, klang dann unser Schaf-Woll-Festival aus. Erleichterung machte sich ebenso breit wie Freude über die vielen interessierten Besucher. Schließlich überwiegte allerdings die Aussicht, nun endlich in Ruhe spinnen und ratschen zu können, damit die nächsten tollen Projekten aus dem wertvollen Rohstoff Wolle entstehen können für unser vielleicht nächstes Schaf-Woll-Festival.

 

Text: Ute Mattern / Martin Aufenanger

 







Fotos: Ulrike Claßen Büttner / Martina Kiehl / Elena Schmidt